Thieller-Natur


Schwalbenschlafplatz in Thielle

Das Naturschauspiel
Jedes Jahr im Spätsommer gibt es in Thielle ein seltenes Naturschauspiel zu bewundern: Während einiger Wochen, etwa von Mitte August bis Mitte September versammeln sich jeden Abend tausende von Rauchschwalben in der Gegend, wo der Zihlkanal in den Neuenburgersee mündet, um just beim Naturistengelände von Thielle im Schilf zu übernachten.
Kurz nach Sonnenuntergang kommen die Schwalben aus allen Richtungen, vom Jura und vom See her angeflogen. Erst fliegen sie in grosser Höhe in losem Schwarm durcheinander, ehe sie bei einsetzender Dämmerung individuell und pfeilschnell herunterjagen und unvermittelt im Schilf verschwinden, wo sie sich zum Schlafen einzeln auf den Schilfhalmen niederlassen. Bevor jedoch Nachtruhe einkehrt, zwitschern die Schwalben munter drauflos und werden erst still, wenn es ganz Nacht geworden ist. Vom Moment, wo sich die ersten Schwalben im Schilf niederlassen bis zu den letzten vergeht wohl eine halbe Stunde und während der ganzen Zeit kommen in der Höhe stets neue Schwalben angeflogen.
Die Schwalben sind jedoch nicht allein. Von so viel Beute angelockt, zeigen sich jeden Abend auch bis zu drei Baumfalken, die darauf spezialisiert sind, Schwalben zu jagen. Für sie ein Schlaraffenland, würde man meinen, doch zeigt sich, dass es ihnen alles andere als leicht fällt, Beute zu machen. Der Baumfalke braucht Ausdauer und Geschick, bis es ihm schliesslich gelingt, eine Schwalbe zu fangen, denn die Schwalben sind ebenso schnell und wendig wie er. Zudem sind sie durch den Schwarm geschützt – ein Phänomen, das man auch von anderen Tiergruppen kennt, z.B. Fischen und Gazellen.
Die Schwalben, es sind ausschließlich Rauchschwalben – wobei auch einzelne Uferschwalben dabei sein können – sind nicht die einzigen Vögel, die sich hier zum Schlafen im Schilf einfinden. Auch Stare nächtigen hier, allerdings in viel kleinerer Zahl von einigen hundert. Sie kommen etwas vor den Schwalben und bilden im Unterschied zu ihnen kompakte Schwärme, die dicht gepackt faszinierende Flugmanöver vollführen, ehe sie im Schwarm ins Schilf einfallen, wo sie ebenfalls noch „schwatzen“, bis es ganz dunkel geworden ist. Und wer gut beobachtet, kann sehen, dass zuweilen auch ein paar Grünfinken und Bachstelzen zum Übernachten im Schilf verschwinden.
Der Aufbruch am Morgen ist etwas weniger spektakulär. Schon in der frühen Dämmerung machen sich die Vögel wieder mit Zwitschern bemerkbar. Später, noch vor Sonnenaufgang, erheben sich die Schwalben staffelweise aus dem Schilf, gewinnen rasch an Höhe und entfernen sich in alle Himmelsrichtungen. Auch jetzt sind die Baumfalken wieder zur Stelle, um Schwalben zu jagen. Während die Stare am Abend vor den Schwalben ins Schilf einfallen, bleiben sie am Morgen etwas länger als die Schwalben, verlassen den Schlafplatz aber auch noch vor Sonnenaufgang.

Hintergrundwissen
Nun mag man sich fragen, was denn das für Vögel sind und wo alle diese Rauchschwalben herkommen. Diese Frage ist nicht leicht und nur durch aufwendige Untersuchungen zu beantworten, indem man die Vögel fängt und beringt. Dies wurde an diesem Schlafplatz noch nie gemacht. Die Vogelwarte Radolfzell jedoch ist vor Jahren dieser Frage an einem ähnlichen Schlafplatz am Bodensee nachgegangen und hat dabei folgendes festgestellt (vgl. J. Hölzinger: Die Vögel Baden-Württembergs): Die ersten Vögel, die den Schlafplatz bilden, sind Altvögel, die nicht gebrütet haben und flügge Junge. Später gesellen sich Männchen dazu, die tagsüber am Brutplatz noch Junge im Nest füttern. Erst zuletzt, wenn ihre Jungen flügge geworden sind, kommen auch Weibchen dazu, die erfolgreich zweimal gebrütet haben. Es zeigte sich, dass zu einem frühen Zeitpunkt bis zu 90% der Schwalben am Schlafplatz Jungvögel waren. Ferner fand man heraus, dass einzelne Individuen den Schlafplatz im Mittel nur 10 Tage und maximal 4 Wochen besuchten. Man muss sich also einen solchen Schlafplatz wie ein Hotel vorstellen, in dem die Gäste einzeln oder in Gruppen kommen und gehen und manche nur kurz, andere etwas länger bleiben. Dem entsprechend verändert sich natürlich die Zusammensetzung wie auch die Zahl der nächtigenden Vögel von Tag zu Tag. Diese Fluktuationen sind umso grösser, als sich zu den lokalen Brut- und Jungvögeln auch Durchzügler aus nördlicheren Gegenden dazu gesellen. Wenn dann im Laufe des Monats September und in der ersten Hälfte Oktober auch die einheimischen Schwalben wegziehen, entleert sich der Schlafplatz allmählich.
Bei einem grossen Schlafplatz in Dänemark wurde festgestellt, dass das Einzugsgebiet rund 500 km2 umfasst und die maximale Entfernung, aus der die Vögel anflogen, bis über 20 km betrug. Auf unser Gebiet übertragen heisst das, dass das Einzugsgebiet am Neuenburgersee etwa bis St. Aubin und Estavayer reichen kann, im Jura bis zum Doubs, La Chaux-de-Fonds und im Mittelland bis Mühleberg und Biel.
Ein so grosser Schlafplatz wie in Thielle, wo 2011 sicher mehr als 10'000 Vögel, vielleicht sogar das mehrfache davon, anwesend waren, ist nicht ungewöhnlich, doch gibt es deren nicht viele. Die meisten Schlafplätze in Europa zählen einige hundert bis einige tausend Rauchschwalben. Im afrikanischen Winterquartier wurden allerdings auch schon Schlafplätze bis zu einer Million Schwalben beobachtet. Im Frühjahr, wenn die Schwalben zurück kehren, nächtigen sie meist im oder beim Nest. Dann bilden sich keine Schlafplätze oder nur kleine mit einigen hundert Vögeln und dies nur für wenige Tage.
Die Schwalben nächtigen gerne im Schilf, weil sie hier vor Feinden, aber auch gegen Wind und Wetter gut geschützt sind. Damit sich ein grosser Schlafplatz bilden kann, braucht es einen entsprechend grossen Schilfbestand. Kleinere Schlafplätze finden sich auch in Maisfeldern, die eine ähnliche Raumstruktur aufweisen wie ein Schilfbestand. Allerdings bietet das Schilf zusätzliche Sicherheit, wenn es im Wasser steht, wie das bei den grossen Schlafplätzen immer der Fall ist.

Fazit
Es ist ein Glücksfall, dass wir in Thielle seit vielen Jahren dieses wunderbare Naturschauspiel immer wieder aus nächster Nähe beobachten können. Seien wir dankbar dafür und tragen wir Sorge dazu, indem wir das Schilf auch tagsüber nicht betreten – was übrigens ohnehin gesetzlich vorgeschrieben ist – und vor allem, indem wir uns in der kritischen Zeit während der Dämmerung weder zu Fuss noch mit Booten dem Schilf vom See her nähern.

Shantam E. Fuchs